Was Heidi Klum und ich gemeinsam haben

Die 17. Staffel von Germany’s Next Topmodel liegt hinter mir, ich habe alle Folgen angeschaut, und ich muss mir erneut eingestehen, dass Heidi Klum mir ein echtes Vorbild ist in Sachen Mode und Styling.

 

Ich mag ihre extravagante Art. Ich finde es toll, wie sie aussieht, wie sie sich kleidet, wie sie sich bewegt. Ihre Stimme ist mir einen Tick zu hoch und das, was sie sagt, klingt für meinen Geschmack oftmals zu affektiert, aber ansonsten: Mega. Top. Großartig. Bewundernswert.

 

Natürlich zeigen die Outfits bei Germany’s Next Topmodel nur exemplarisch einen kleinen Ausschnitt aus Heidis modischen Repertoire, aber ich bin fasziniert von dieser Vielfalt an Ungewöhnlichem. Irgendwie bringen mich ihre Outfits regelmäßig zum Staunen – und ich fühle mich dadurch inspiriert, noch viel mehr aus mir herauszukommen, noch bunter, wilder, ausgefallener zu sein mit meinen Klamotten, dem Schmuck, den Schuhen, den Haaren, dem Make-up: Es darf alles noch »lauter« werden. Ich kann noch viel mutiger werden.

 

Mir persönlich dient Kleidung nicht selten als Schutzschild. Wenn ich gut aussehe, fühle ich mich sicherer und weniger angreifbar. Allerdings darf es nicht zu sexy sein. Wenn mich jemand sexuell attraktiv findet, dann wirft mich das (aufgrund meiner Vergangenheit) völlig aus der Bahn und macht mich extrem unsicher. Im Laufe der Jahre habe ich für mich gelernt, eine gute Balance zu finden zwischen Sexiness und Attraktivität. Aber schon hier an dieser Stelle merke ich, dass die Wahl meines Outfits ziemlich stark davon abhängt, wie andere mich wahrnehmen. Das stimmt mich nachdenklich.

 

Ich frage mich, ob auffällige Kleidung generell Rückschlüsse zulässt auf das Selbstvertrauen der Trägerin. Wenn eine Frau ein besonders extravagantes Outfit trägt, dann tut sie das, weil sie sich damit gefällt oder weil sie für andere gut aussehen möchte – auf jeden Fall bekommt sie mehr Aufmerksamkeit, mehr Guck-mal-die-da-drüben-Getuschel als eine unauffällig gekleidete Person.

 

Ist vielleicht schon die Suche nach Aufmerksamkeit ein Zeichen für mangelndes Selbstvertrauen? Ich muss das in meinem Fall wahrscheinlich mit »Ja« beantworten. Ich kompensiere, reguliere, korrigiere meine im Innern verborgene Angst, den Ansprüchen der Außenwelt vielleicht nicht genügen zu können, indem ich optisch hervorsteche und Blicke auf mich ziehe. Kann das sein?

 

Wenn dem so ist, dann wäre es ein ziemlich heftiges Paradoxon, denn ich fühle mich allgemein unter Menschen sehr oft überfordert und an meiner persönlichen Belastungsgrenze. Diese tiefsitzende, innere Verunsicherung verberge ich gekonnt hinter einer schützenden Fassade, um mich nicht unnötig hilflos oder total unfähig zu fühlen – was schnell passieren kann.

 

Parallel dazu findet mein Aussehen, meine äußere Erscheinung, im Regelfall ein hohes Maß an Anerkennung, was mir »automatisch« das Gefühl gibt, wertgeschätzt und akzeptiert zu werden. Nette Komplimente, neugierige Blicke, schöne Worte – das bestärkt mich darin, dass ich alles »richtig« gemacht habe. Ich habe offensichtlich gute Entscheidungen getroffen darüber, was ich anziehe, wie ich mich schminke, welchen Schmuck ich trage, welche Frisur, welche Schuhe und so weiter.

 

Wenn fremde Blicke mir durch den Raum folgen, fühle ich mich gewissermaßen anerkannt und respektiert, obwohl auf der zwischenmenschlichen Ebene noch gar nicht viel passiert ist. Verrückt eigentlich. Mein Aussehen ist doch kein Beweis dafür, dass ich auch als Mensch gut ankomme. Es ist ja zunächst nur mein Äußeres, das gefällt. Und trotzdem fühle ich mich anerkannt.

 

Laufen meine Gefühle und meine Kleidung hier nicht komplett auseinander?

 

Hast du schon in meinen Podcast reingehört? Hier geht’s zwar nicht zur aktuellen Folge, aber auch hier geht es um Ausstrahlung und Selbstvertrauen:

 

“Jenseits von teuer – deine Ausstrahlung!”

 

Um nochmal zu Heidi Klum zurückzukommen: Im Gegensatz zu mir wirkt Heidi auf mich wie eine echte Frohnatur. Sie scheint immun zu sein gegen trübsinnige Gedanken (davon habe ich jede Woche mehr als genug) und liebt es, vergnügliche Momente zu kreieren. Das Leben als große Party voller Happenings, kurzweilig, amüsant, reizvoll – und hinter der nächsten Ecke wartet hoffentlich schon der nächste Kick!

 

Es gibt auf jeder Party eine Frau wie Heidi: Extrovertiert, schnell im Gespräch, gerne im Mittelpunkt, mit einer Fröhlichkeit, die mitreißt und ansteckt – ein echtes Partygirl eben. Ich schaue solchen Frauen gerne dabei zu, wie sie sich präsentieren und inszenieren. Gleichzeitig frage ich mich, ob eine Frau wie Heidi es ertragen würde, wenn es mal nicht so gut läuft. Wenn Sorgen da sind, Krisen bewältigt werden wollen, Entbehrungen erlebt werden müssen. The Party is over. Was dann?

 

Fürchtet sich eine Frau wie Heidi vor diesem Moment, when the party’s over? Wenn die äußeren Reize und Stimuli wegfallen, der Trubel vorbei ist, die Stille einkehrt. Ich persönlich liebe diesen Moment, wenn die Party vorüber ist. Das Heraustreten aus dem Licht, dem Lärm, der Dichte und der Intensität von Eindrücken – dann atme ich ein paar Mal tief ein, finde zurück zu meinem eigenen Rhythmus und zelebriere das Zurück-zu-mir-selbst-finden fast wie etwas Heiliges.

 

Vielleicht erlebt eine Frau wie Heidi jede Form von Stille als unangenehm und überflüssig. Vielleicht ist sie nicht gern allein. Möglicherweise fällt ihr das Alleinsein total schwer und sie gehört zu den Menschen, die noch im Mantel schnell das Radio einschalten, sobald sie zu Hause angekommen sind, um die Stille zu durchbrechen.

 

Vielleicht leidet Heidi nicht an mangendem Selbstvertrauen, sondern sie hat Angst vor dem Alleinsein?

 

Wenn ich eine Frau wie Heidi mit mir vergleiche, dann stelle ich fest: Extravaganz hat nicht zwangsläufig etwas mit Extrovertiertheit zu tun. Ich bin weder vergnügungssüchtig noch abenteuerlustig, aber ich liebe alles, was irgendwie eigentümlich, skurril, schräg, ungewöhnlich oder kurios ist. Ich liebe es an anderen, aber ich liebe es auch an mir. Wenn ich merke, dass ich von anderen so wahrgenommen werde, als würde mich eine Aura von »Seltsamkeit« umgeben, dann fühle ich mich sicher. Es hilft mir, mich als Individuum zu spüren, nicht in der Masse unterzugehen, meine Position zu finden. Und meine Grenzen besser wahrzunehmen.

 

Meine Bedürfnisse und Empfindungen haben also gar nichts mit Selbstvertrauen zu tun, sondern eher mit Selbstregulation.

 

Trotzdem möchte ich den Gedanken zu Ende denken: Angenommen, Frauen mit ausgefallener Kleidung hätten tatsächlich wenig Selbstvertrauen, dann müssten ja – andersrum gedacht – Frauen, die sich sehr zurückhaltend kleiden und keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen (wollen), ein höheres Selbstvertrauen haben.

 

Dem kann ich nur widersprechen. Denn wenn ich mich zurückhaltend kleide, weil ich keine Aufmerksamkeit auf mich ziehen will, dann sind das genau die Tage, an denen mein Stimmungsbarometer schon früh am Morgen »minus Eins« anzeigt. Tage, an denen ich am liebsten den Kopf in den Sand stecken würde und am liebsten gar nichts mit Menschen zu tun haben will. An solchen Tagen kleide ich mich zurückhaltend.

 

Andererseits kenne ich Frauen, die tatsächlich souverän, frei und autark wirken, ohne sich optisch besonders krass in Szene gesetzt zu haben. Nüchtern betrachtet wird hier das Understatement zum Statement. Das bewusste Weglassen und Reduzieren auf ein Minimum an Reiz und Eindruck hat eben auch seine Wirkung, jedenfalls dann, wenn die Trägerin es schafft, mich durch ihre Präsenz, ihr Dasein, ihre Ausstrahlung zu beindrucken.

 

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Wie man es dreht und wendet: Letztlich beziehen wir als Trägerin bestimmter Kleidungsstücke und Accessoires immer eine Stellung. Wir nehmen eine gewisse Haltung ein, entscheiden uns für ein Outfit, setzen ein Zeichen. Nur ist dieses Nach-Außen-tragen von Meinungen, Emotionen und Stimmungen nicht monokausal. Ich kann extravagant gekleidet sein und damit meine Persönlichkeit unterstreichen – oder meine Zerbrechlichkeit kaschieren. Ich kann zurückhaltend gekleidet sein und damit selbstbewusst auftreten – oder absichtlich wenig Beachtung finden.

 

Scheinbar ist das Verhältnis von Kleidung und Selbstvertrauen sehr viel komplexer als gedacht. Ausgefallene Kleidung ist nicht automatisch ein Zeichen von mangelndem Selbstvertrauen.

 

Mein persönliches Fazit in der Auseinandersetzung mit diesem spannenden Thema:

 

Ich denke, wir tun alle gut daran, hinter die (modische) Fassade einer Trägerin zu gucken, ohne ihre Erscheinung sofort zu bewerten. Wir können letztlich nicht sicher wissen, was in einem anderen Menschen vor sich geht. Und selbst wenn wir ins Gespräch kommen und die Trägerin eines ausgefallenen Outfits fragen, was es damit auf sich hat – weil wir wissen wollen, wer hinter der (modischen) Fassade steckt – kann die Antwort uns kurios erscheinen oder keinen Sinn ergeben.

 

Vielleicht hat Heidi Klum gar keinen Plan und macht sich gar keine Gedanken um ihr Aussehen, wer weiß das schon. Also lasst uns bitte achtsam miteinander umgehen. You never know.

 

Noch mehr spannende Geschichten rund um das Thema Mode findest du in meinem Podcast MEHR ALS NUR KLAMOTTEN.

 

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