Female Empowerment rettet uns

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Nachdem der IPCC (International Panel on Climate Change) in dieser Woche einen neuen Bericht veröffentlicht hat, der deutlich macht, dass die Erderwärmung schneller voranschreitet als vermutet, habe ich zu meinem Mann gesagt: „Ich will, dass eine Frau die Welt rettet.“ Ich war gerade mit einer Hand im Gemüsefach, um einen Bund Frühlingszwiebeln herauszufischen, und mit der anderen Hand musste ich dafür sorgen, dass meine Gemüsepfanne auf dem Herd nicht anbrennt.

Die Situation hatte etwas Ulkiges. Meine Worte wirkten aus der Luft gegriffen. Aber ich habe es verdammt ernst gemeint. Ich traue das einfach keinem Mann zu, die Welt zu retten. Bis auf Robert Habeck, der würde es vielleicht hinkriegen.

Wie ich darauf komme, dass eine Frau die Welt retten sollte? Frauen machen einfach mehr Stress. Das braucht die Welt gerade, ist mein Eindruck. Es braucht im Moment lauter nervige Frauen, die dranbleiben und Stress machen. Nur so kann’s gehen.

Während ich das schreibe, höre ich – über meine nagelneue, rosafarbene WONDERBOOM 2 – die einzigartige Ina Müller mit einer Interpretation von „Hey Jude“. In ihrer Show `Inas Nacht´ steigt sie singend auf eine Sitzbank inmitten ihrer Gäste und heizt die Zuschauer ordentlich ein. Eine sehr sympathische Cordula Stratmann ist mit dabei. Und ein sehr unsympathisch wirkender Oliver Pocher, der sich um Kopf und Kragen redet. Was soll ich sagen. Das Leben. Na ja, das Leben vor zehn Jahren. Es ist eine Aufzeichnung aus 2011.

Entschuldigung, ich komme vom Thema ab. Oder vielleicht auch nicht. Ina Müller wäre aus meiner Sicht eine großartige Unterstützung des Projekts „Eine Frau rettet die Welt“. Den Job der alleinigen Weltretterin würde sie wahrscheinlich ablehnen. Aber vielleicht hätte sie Freude daran, gekonnt in zweiter oder dritter Reihe mitzumischen, wenn ihr Typ gefragt ist.

Ich mache Witze, fühle mich ironisch, obwohl der Klimawandel nicht lustig ist und nichts Ironisches mehr zu haben scheint. Ich kann das Ganze nicht ungehemmt an mich heranlassen, merke ich. Nicht selten kommen mir sonst die Tränen und ich weine wegen dem, was passiert. Ich trauere um das, was dem Planeten angetan wurde und angetan wird. Vielleicht nicht mit Absicht angetan wurde. Aber spätestens seit Fridays for Future ist es jede weitere Woche, jeden weiteren Monat doch so eine Art mitverschuldete Mitverantwortung. Wir konsumieren, wir handeln, wir entscheiden selten klimaneutral oder klimapositiv. Warum? Klimabewusstes Verhalten ist gekoppelt an Verzicht. Wenn nicht gerade Lockdown ist, dann scheint uns das extrem schwer zu fallen. Attitude-Behaviour-Gap nennt man dieses Phänomen, also das beschreibt die Lücke zwischen meiner Einstellung und meinem Verhalten.

Lockdown war super. Zuhause bleiben ist gut fürs Klima.

Aber was ist, wenn kein Lockdown ist? Wie kann ich mich persönlich in 2021 als Frau mittleren Alters In Sachen Klima-Krise positionieren? Ich engagiere mich nicht politisch. Ich stehe auf keiner Bühne. Ich strebe keine außergewöhnliche Karriere an. Ich wollte nie in die Wirtschaft. Und doch kenne ich unzählige Frauen, die – ähnlich wie ich – erschüttert sind über das, was da scheinbar gerade auf uns zukommt. Aber wie lässt sich diese Erschütterung bündeln und sinnvoll nutzen?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass es reicht, wählen zu gehen. Kreuz machen und fertig? Das fühlt sich nicht gut an. Ich will ja was machen, was spüren, mich verbinden mit anderen Frauen!

Ich hab kreuz und quer gegoogelt und lange nichts Passendes für mich gefunden zum Thema „Klima und Frauen“, bis ich auf ein Diskussionspapier gestoßen bin, was mir zumindest in Teilen irgendwie passend erscheint. Der Titel dieses Papiers lautet: „Für eine geschlechtergerechte Bewältigung der Corona- und Klima-Krise.“(*) Okay, der Titel ist etwas sperrig, aber der Inhalt hat für mich den Nagel auf den Kopf getroffen.

Nach diesem Papier müssen wir uns nicht nur darum bemühen, Wirtschaft klimapositiv zu gestalten, sondern auch Gesellschaft neu zu denken: „Ohne Geschlechtergerechtigkeit wird es keine nachhaltige Krisenbewältigung geben, egal, ob es sich um die Klima-Krise, die Corona-Krise oder die zunehmend zu einer Krise werdende Verteilung und Bewertung der Versorgungsarbeit handelt.“ (ebd.)

Sofort schießen mir alle möglichen Gedanken durch den Kopf. Wie steht‘ s eigentlich in meinem Leben mit der Geschlechtergerechtigkeit? Okay, hier meine ehrliche Antwort: Ich befinde mich nicht zum ersten Mal in meinem Leben in der Situation, hauptsächlich Mutter und Hausfrau zu sein. Mein Mann verdient das Geld. Ich kümmere mich um den Rest. Dieser Rest beinhaltet auch, dass ich meinen Mann aktiv coache und unterstütze. Wir diskutieren viel, seine Themen sind präsent bei uns zuhause. Ich gebe ihm Rückmeldung, sage meine Meinung, hinterfrage seine Betrachtungsweise und sorge nicht selten dafür, dass er eingefahrene Wege verlässt und nach Alternativen sucht. Ohne mich würde das so in der Form nicht passieren. Das alles tue ich gänzlich unentgeltlich, könnte man sagen. Aber ich sehe es anders: Das Geld, das mein Mann seinen Kund:innen in Rechnung stellt, habe ich mitverdient.

Ich persönlich habe mich noch nie nur als „Hausfrau und Mutter“ wahrgenommen. Diese Rollenzuschreibung finde ich für mich nicht zutreffend. Ich erlebe meine Situation anders. Ich fühle mich selbstbestimmt. Ich habe mich für eine bestimmte Lebensweise entschieden. Diese Entscheidung habe ich als mündige Person gefällt. Niemand hat mich dazu gezwungen. Ich bin nicht Hausfrau oder Mutter oder Dies und Das. Ich bin ich. Und ich mache Dies oder Das. Aber ich bin das nicht. Meine Identität hängt nicht von den von mir übernommenen Aufgaben ab.

Wenn ich an dieser Stelle mal eine subjektiv-intuitive Definition wagen darf, dann bedeutet Geschlechtergerechtigkeit für mich: Ich habe die Wahl. Ich werde nicht behindert in meinen Entscheidungen. Und genau so ist es im Moment: Ich fühle mich nicht behindert. Ich könnte auch alles ganz anders machen.

Aber eine Sache würde ich mir dann doch wünschen, für mich und für alle anderen: Anerkennung. Warum nicht Mindestlohn für Menschen, die Haushalt und Familie managen? Unabhängig vom Geschlecht. Einfach so. Weil es das wert ist.

Jetzt bin ich schon wieder vom Thema abgekommen. Aber irgendwie hängt das alles ja auch zusammen. Mich wundert es jedenfalls nicht, dass die erste Bundeskanzlerin der Bundesrepuplik Deutschland keine eigenen Kinder bekommen hat. Das empfinde ich als symptomatisch. Entweder Bundeskanzlerin oder eigene Kinder.

So oder so, Fakt ist und da führt kein Weg dran vorbei: Wenn Eltern etwas anderes machen wollen als Haushalt und Kinder, dann müssen andere die Aufgaben der Haushaltsführung und Kinderbetreuung übernehmen. So einfach ist das. Sich gar nicht um den Haushalt und die Kinder zu kümmern – das geht nicht. Eine:r muss es machen.

Auch wenn das jetzt vielleicht den Eindruck macht, als ginge es hier um Einzelentscheidungen – Geschlechtergerechtigkeit ist nicht Sache Einzelner. Solange wir uns als Gesellschaft nicht darauf verständigen, dass Eltern-Sein kein Seinszustand ist, sondern Arbeit, solange doktern wir an den Symptomen herum und nicht an der Ursache.

Frauen bekommen Kinder. Männer bekommen Kinder. Frauen führen einen Haushalt. Männer führen einen Haushalt. Alle sollten die Wahl haben, welche Aufgaben von wem übernommen werden. Das muss gesellschaftlich drin sein.

Ich merke, ich komme alleine nicht weiter. Eines ist klar: Einkommen, Geschlechterrollen, Prestige und Vermögen spielen für Mutter Erde keine Rolle. Die Erderwärmung lässt sich von unserer auf Leistung ausgerichteten Gesellschaft nicht beeindrucken.

Der Weltklimabericht zeichnet eine düstere Prognose für die Zukunft. Das dringend nötige Umsteuern würde radikales Umdenken verlangen. Ich weiß nicht, ob wir das als Menschen rechtzeitig hinkriegen, ganz egal, ob Mann oder Frau.

Tatenlos rumsitzen werde ich dennoch nicht. Auf jeden Fall gehe ich auf die Straße. Globaler Klimastreik am 24. September. #AlleFürsKlima. Bei der Forderung nach umfassenden, schnellen und effizienten Klimaschutz-Maßnahmen zur Erreichung des 1,5-Grad-Ziels der Vereinten Nationen wird meine Stimme nicht fehlen.

Wenn dir sonst noch was einfällt, was ich tun kann, dann melde dich gerne bei mir. Ich bin für alles offen, was diesen Planeten enkeltauglich macht.

(*)genanet – Leitstelle Gender | Umwelt | Nachhaltigkeit, GenderCC – Women for Climate Justice, LIFE – Bildung | Umwelt | Chancengleichheit (2020): Für eine geschlechtergerechte Bewältigung der Corona- und Klima-Krise. Diskussionspapier. Berlin.

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