Aktiv kommunizieren – Raus aus der Schweigefalle!

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Stell dir vor, du hast einen Konflikt mit einer Freundin. Sie hat dich um einen Gefallen gebeten („Bitte komm´ mit, ich will da nicht allein hingehen!“) und du hast JA gesagt, obwohl es dir eigentlich nicht recht war (du magst die Gastgeberin nicht und fühlst dich auf ihren Veranstaltungen immer unwohl).

Nun stehst du vor dem Kleiderschrank und willst dir die passenden Klamotten für diese Veranstaltung heraussuchen, du bist bereits spät dran, müsstest dich eigentlich ranhalten, um noch pünktlich zu sein – stattdessen schreit alles in dir NEIN. Keinen Bock, keine Lust, du bist total genervt. Engelchen und Teufelchen sitzen rechts und links auf deiner Schulter und leisten sich einen heftigen Schlagabtausch: „Das wird schon nicht so schlimm werden, es sind auch immer ein paar nette Leute dabei, du musst ja nicht so lange bleiben, es ist ja nur EIN Abend und nicht für die Ewigkeit…“ erzählt das Engelchen. „Ich hatte von Anfang an Null Bock auf diese Veranstaltung! Wenn ich nur dran denke, wird mir schon schlecht! Diese blöde Trulla mit ihrem blöden Haus am See und ihren tollen Freundinnen und ihrer tollen Haushaltshilfe, ohne die das alles nicht möglich wäre – dazu den ganzen Abend dieses völlig überflüssige Businesswomen-Getue und Champagner-Geschlürfe – ich könnte jetzt schon kotzen!“ schimpft das Teufelchen voller Inbrunst.

Was ist passiert?

Du hast nicht über deine Gefühle gesprochen. Du hast JA gesagt, obwohl du NEIN gefühlt hast.

Warum ist das passiert?

Du wolltest deiner Freundin den Gefallen nicht abschlagen, sie nicht „hängen lassen.“ Irgendwie hat sich die Beziehungsebene in eure Kommunikation hineingeschlichen. Du hast gedacht: Wenn ich ihr die Wahrheit sage, dann fühlt sie sich schlecht oder abgelehnt.

Das ist ein Klassiker unter den Kommunikationspatzern.

Wir nehmen an, die andere Person wird so oder so reagieren. Dabei kennen wir ihre Wahrheit gar nicht.

Angenommen, du hättest deiner Freundin gesagt, was in dir vorgeht – warum sollte sie sich abgelehnt fühlen? Vielleicht wäre sie im Gegenteil sogar sehr dankbar gewesen, wenn du ihr deine Gefühle zur Verfügung gestellt hättest, weil sie dann die Möglichkeit gehabt hätte, über Alternativen nachzudenken. Sie hätte zum Beispiel eine andere Freundin darum bitten können, sie zu begleiten, also eine Freundin, die vielleicht ähnlich viel Freude an der Veranstaltung hat wie sie selbst.

Schweigen führt oft zu Fehlinterpretationen. Es entsteht ein Meer an Vorannahmen, die alle nicht überprüft, sondern einfach so hineininterpretiert werden. Von beiden Seiten. Das führt selten zu guter Kommunikation.

Schweigen macht Opfer-Gefühle: Jetzt muss ich da hin, obwohl ich gar nicht will! Du opferst deine Freiheit, deine Handlungsfähigkeit und alle Optionen, die alternativ auch noch zur Verfügung stehen würden, indem du deine Wahrheit verschweigst. Schweigen macht eng. Der Bewegungsradius wird sehr klein. Du wirst zum Opfer der Umstände. Du wirst eine Leidtragende – im wahrsten Sinne des Wortes.

Schweigen ist eine Falle. Es verhindert echte Beziehung. Ich kann nicht gut „mitschwingen“, wenn ich emotional etwas Ungesagtes zurückhalte. Resonanz braucht Wahrheit. Deine eigene Wahrheit und die Wahrheit der anderen Person. Sonst gibt es keine Beziehung, kein Mitschwingen, keine Harmonie. Stell dir vor, du hörst ein Duett für Flöte und Cembalo: Beide Instrumente sind gleichlaut präsent, im Spiel achten sie aufeinander, geben sich jeweils genügend Raum und Stimme, so dass es für die Zuhörer harmonisch klingt. Wenn es in diesem Zusammenspiel der beiden Instrumente ein Ungleichgewicht oder eine Störung gibt, dann klingt es sehr schnell schräg und wird nervig.

Um also in Zukunft unnötigen Ärger in deinem kommunikativen Zusammenspiel mit anderen Menschen zu verhindern, hier meine drei goldenen Kommunikationsregeln für einen gelingenden Dialog:

  • Setze dein Gegenüber innerlich auf Augenhöhe. Versuche sowohl das passive Zuhören als auch das aktive Sprechen gleichermaßen aktiv und aufmerksam zu gestalten. Bemühe dich, dein Gegenüber zu verstehen und überprüfe regelmäßig, ob auch du dich selbst verstanden fühlst. Achte dabei weniger auf die Worte, sondern mehr auf den Inhalt, also auf das, was die andere Person vermitteln, ausdrücken oder rüberbringen will. Dabei musst du nicht alles toll und richtig finden. Es geht vielmehr darum, die andere Person mitzukriegen, also ihre Beweggründe, ihren Antrieb, ihre Motivation, ihre Wahrnehmung und Bewertung einer Sache oder eines Umstands. Du musst nicht alles genauso sehen oder empfinden. Für ein gutes Gespräch ist Verständnis-haben völlig ausreichend.
  • Mache Pausen. Wir neigen dazu, andere Menschen im Gespräch zu unterbrechen, Sätze zu ergänzen oder zu vervollständigen, zu widersprechen oder dagegen zu argumentieren. Sprechpausen helfen dir (und auch deinem Gegenüber) feiner und genauer wahrzunehmen, was eigentlich gerade passiert zwischen euch oder im Anderen oder in dir. Eine Pause bringt immer die Gelegenheit, sich zu sortieren, zu orientieren oder auch sich neu auszurichten. Pausen sind für eine gelingende Kommunikation nach meiner Auffassung unverzichtbar und in schwierigen Situationen ein heilsames Mittel gegen Eskalation und Streit.
  • Konzentriere dich zu 51% auf dich und nur zu 49% auf dein Gegenüber. Gestalte deine Zuhörer- und Sprecherrolle so aktiv wie möglich: Frage nach, sichere dich ab (Habe ich das richtig verstanden, dass dir das wichtig ist, dass ich dich zu dieser Veranstaltung begleite?), denke so oft wie möglich laut, achte auf Körpersignale und Stimmfarbe, lass dir Zeit. Schweigen ist keine Option. Wenn dir nach Schweigen zumute ist, dann kannst du auch das deinem Gegenüber mitteilen, indem du zum Beispiel sagst: „Mir fehlen gerade die Worte.“

Kommunikation ist ein weites Feld. Es gibt viele Ansätze und Methoden, die dir sagen wollen, wie du es machen sollst, damit es gut wird.

Ich selbst bin schon lange fasziniert von den Gesetzmäßigkeiten des Gelingens oder Misslingens eines Gesprächs. Einige Semester Kommunikationswissenschaft mit Philosophie im Nebenfach haben mich zur Systemtheorie geführt und später in der Praxis dann zur systemischen Familientherapie. Hier wird das Denken und Handeln eines Menschen nicht isoliert betrachtet, sondern immer im Zusammenhang gesehen mit seinem Umfeld, also mit den Beziehungen zu anderen Menschen und weiteren persönlichen Bezügen zur Außenwelt. Das hat mich überzeugt. Ich denke, fühle und handele immer im Kontext meiner Wahrnehmung und meiner Umgebung. Da habe ich mich total drin wiedergefunden.

Mein Ansatz ist seitdem ein systemischer Ansatz.

Wenn die systemische Haltung auch für dich interessant klingt und du dich ein bisschen einlesen willst, dann hier noch zum Abschluss drei Buch-Tipps, die auch für nicht-systemisch arbeitende Personen sehr hilfreich sein können [keine Werbung, nur Empfehlung]:

MiniMax-Interventionen: 15 minimale Interventionen mit maximaler Wirkung. Manfred Prior und Dieter Tangen. Carl-Auer Verlag.

Fragen können wie Küsse schmecken: Systemische Fragetechniken für Anfänger und Fortgeschrittene. Carmen Kindl-Beilfuß. Carl-Auer Verlag.

Anleitung zum Unglücklichsein. Paul Watzlawick. Piper Taschenbuch.

Viel Spaß beim Lesen! 🙂

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