Jahresrückblick 2022

»Lass uns doch mal in einem Hotel übernachten, wo man, vom Fenster aus, das Meer sehen kann«, sagte ich aus einer Laune heraus zu meinem Mann.

Ich hatte plötzlich so eine kitschige Vorstellung von einer Hotelübernachtung, wo man die Wellen rauschen hört, wenn man das Fenster öffnet…

Damit begann das Jahr 2022 fast schon filmreif! Okay, ganz so filmreif war es dann letzten Endes doch nicht, aber tatsächlich haben mein Mann und ich zeitnah ein Zimmer in einem Hotel gebucht in Ahrenshoop – mit Meerblick! – und es war in der Tat so schön, dass wir in diesem Jahr noch einmal nach Ahrenshoop fahren werden.


Schon kurz darauf folgte eine weitere Idee, nämlich alleine – ohne Mann, ohne Kinder, nur mit Hund – mit dem Wohnwagen an die Eckernförder Bucht zu fahren.

Nach längeren Internet-Recherchen bin ich schließlich bei der Wohnmobilvermietung Fuchs und Hase Camper GmbH gelandet. Ein echter Glücksgriff!

Denn hier wurde ich so lange persönlich beraten und mit all meinen Bedenken und Sorgen ernst genommen, dass ich diese Reise im Frühjahr tatsächlich angetreten bin und das Wagnis mit Bravour gemeistert habe.

Auch hier ist mir schnell klar: Das wird nicht meine letzte Fahrt mit dem Wohnmobil gewesen sein.

Ich mache an dieser Stelle gerne unbezahlt Werbung für diese Einsteiger- und Hunde-freundliche Wohnmobilvermietung, indem ich sie für dich verlinke:

 

Fuchs & Hase

Großer Schock dann Ende Februar: Der Angriff Russlands auf die Ukraine.

Zum Glück haben sich wenige Tage später Hunderttausende von Menschen in Berlin versammelt und für den Frieden demonstriert.

In solchen Momenten liebe ich Berlin. Es hat so gutgetan, an dieser großen Friedensdemo für die Ukraine teilzunehmen und mit tausenden anderen Menschen auf die Straße zu gehen. Es hat mir das Gefühl gegeben, nicht allein zu sein.


Übrigens: Die Redaktion Ohrenkuss, ein Magazin, gemacht von Menschen mit Down-Syndrom, postet auf Instagram seit Beginn des Krieges Bilder aus der Ukraine und kommentiert allein mit der Anzahl der Tage, die dieser Krieg bereits andauert. Am Silvestertag 2022 war es bereits Tag 309. Sehr eindrücklich. So gerät der Krieg auch für mich nicht in Vergessenheit.

Hier geht es zum Instagram-Profil von @ohrenkuss:

 

Ohrenkuss

Im späten Frühjahr hat die Gründerinnenzentrale mich für ein Shooting angefragt für eine Werbe-Kampagne. Das war noch mitten in Corona-Zeiten, aber für die Bilder durfte ich die Maske dann doch abnehmen. Ich habe mir vor dem Shooting sehr viel Zeit gelassen für Haare und Makeup – ich saß bestimmt zwei Stunden bei einer Visagistin, die das auch ganz toll gemacht hat – aber letztlich war das Makeup leider viel zu ›dramatisch‹ für das eher sportliche Outfit.

 

Es hat nicht zusammengepasst, sah nicht stimmig aus. Ich war schlimm frustriert und enttäuscht. Obendrein war die Fotografin vor Ort in zehn Minuten durch mit mir. Alles in allem war das Ganze – aus meiner Sicht – ein Flop. Warum? Na, weil ich auf den Bildern gar nicht aussehe wie ›ich‹. Und damit war eines meiner höchsten Prinzipien nicht erfüllt: Authentizität. Echtheit.

 

Das war für mich persönlich ein böses Desaster – und passiert mir in dieser Form hoffentlich nicht nochmal. (Die Werbe-Kampagne ist trotzdem veröffentlicht worden. Ich habe meine Zustimmung gegeben, auch wenn ich bis heute nicht happy mit den Fotos bin.)

Auch in der Zusammenarbeit mit dem HeyDay Magazine durfte ich etwas lernen über PR und Marketing. Ich dachte völlig naiv, ich schreib mal was Schönes und dann wird das veröffentlicht. Falsch gedacht. Von der Idee bis zum fertigen Artikel sind Monate (!) vergangen. Wie viel Abstimmung es im Einzelnen braucht und wie viele Menschen an dem Prozess der Veröffentlichung beteiligt sind, das habe ich komplett unterschätzt.

 

Und doch bin ich auf diesen Artikel im HeyDay Magazine richtig dolle stolz: Ich habe mein Innerstes nach außen gekehrt – ohne jede Beschönigung – schlicht mit der Hoffnung, dass andere Frauen sich darin wiederfinden und sich ermutigt fühlen, auf ihren eigenen, inneren Kompass zu vertrauen.


Dieses spontane Feedback einer Leserin hat mich daher besonders gefreut: »Dein Artikel (HeyDay) trifft es mitten ins Herz und ich danke dir für deine Worte und Schilderungen.«

Hier kannst du den Artikel lesen:

 

“Wer bin ich ohne meine Kinder”

Im Sommer war ich wie jedes Jahr in Castagneto Carducci. Das ist ein kleiner Ort auf einem Hügel an der Etruskischen Küste in der Toskana, wo wir 2015 auch geheiratet haben. Allerdings haben mein Mann und ich aus Gründen des Klimaschutzes in diesem Jahr auf eine Anreise mit dem Flugzeug verzichtet. Und was soll ich sagen? Die Anreise mit der Bahn, inklusive Nachtzug, war ein echtes Abenteuer. Um ehrlich zu sein, war es sogar so abenteuerlich, dass wir nicht ernsthaft darüber nachdenken, dieses Abenteuer zu wiederholen.

Besonders eindrücklich in Erinnerung geblieben ist mir unser erster Zwischenstopp: Verona. In diese Stadt habe ich mich verliebt – und es wird hoffentlich nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich dort ein paar Tage Urlaub verbringe.

Das mit dem Verlieben ist eigentlich kein Wunder, denn Verona gilt ja wegen Romeo und Julia als ›die Stadt der Verliebten‹. Auch in mir haben die mittelalterlichen Gassen, Häuser und Paläste sehr schnell romantische Gefühle geweckt. Nicht umsonst ist die Altstadt von Verona UNESCO-Weltkulturerbe – die Architektur ist unglaublich gut erhalten und neben der berühmten Arena (immerhin das drittgrößte erhaltene Amphitheater in Italien) erzählen viele weitere Sehenswürdigkeiten von der 2000-jährigen Stadtgeschichte.

Um die Via Mazzini mit ihren Edelboutiquen und zahlreichen Geschäften hinlänglich bekannter Modeketten habe ich bewusst einen Bogen gemacht. Eigentlich liebe ich solche autofreien Einkaufsstraßen, wo man von Schaufenster zu Schaufenster bummeln kann, aber dieses Überangebot an Kleidung und Souvenirs ist mir mittlerweile richtiggehend zuwider. Da setze ich mich lieber in ein nettes Café und beobachte das bunte Treiben um mich herum.

Auch den berühmten Balkon von Julia im Innenhof der Via Cappello 23, angeblich das Elternhaus der jungen Frau, habe ich mir nicht angesehen. Es war mir einfach zu viel Gedränge.

Am schönsten fand ich Verona im Abendlicht, wenn sich die Stadt mit ihrem goldenen Schein im Wasser der Etsch gespiegelt hat – ein Traum.

 Verona, die ›Stadt der Liebe‹,

hat sich im Jahr 2022 ganz unerwartet in mein Herz geschlichen.

 

Und dafür bin ich sehr dankbar.

Ganz anders ist es mir ergangen mit einem Zwischenstopp am Gardasee in Peschiera del Garda. Wir hatten dort eine traumhafte Unterkunft direkt am Kanal, aber sobald man das Apartment verlassen hat, wimmelte es nur so vor Touristen.

 

Geschäfte, Restaurants, Parkplätze – alles schien auf Massen von Touristen ausgerichtet zu sein. Daher hat es mich aufrichtig gefreut, als ich erfahren habe, dass es am Gardasee mittlerweile Orte gibt, die anfangen, sich gegen diese Form des ›Overtourism‹ zu wehren.

 

Nichts gegen Peschiera: Der See, die Berge im Hintergrund, das mediterrane Lebensgefühl – das alles bildet die perfekte Kulisse für einen unvergesslichen Urlaub. Aber ich hatte wirklich das Gefühl, dass der Ort an den Besuchermassen erstickt und es insbesondere für die Einheimischen keine Luft mehr gibt zum Atmen.

 

Bevor die Stimmung kippt, wäre es sicher ratsam, einen Kompromiss zu finden, der Urlaubern und Anwohnern gleichermaßen gerecht wird. Ich selbst werde mich jedenfalls so schnell nicht mehr an Orte begeben, wo ich mich in engen Gassen durch Menschenmassen hindurchzwängen muss, um mir das historische Zentrum eines Urlaubs-Hotspots anzuschauen.

 

Da lobe ich mir doch Orte und Gegenden abseits des Massentourismus, um wirklich einen geruhsamen Urlaub genießen zu können. Aber wie gesagt: Nichts gegen Peschiera del Garda und den Gardasee. Beides – außerhalb der Hochsaison – sicher sehr schön.

Auf der Rückreise nach Deutschland war es dann auch bei mir so weit: Der Corona-Schnell-Test zeigte in Österreich, genauer gesagt im Hotel in Kufstein, zwei Striche.

Ich will da gar nicht weiter drauf eingehen, nur so viel: Es hat gute zwei Wochen gedauert, bis ich wieder einigermaßen fit war.

 

Jede davon betroffene Person mag das anders empfinden, aber für meinen Geschmack brauche ich dieses Corona-Ding kein zweites Mal, auch wenn es weitaus weniger einschränkend war als befürchtet, denn es war auf jeden Fall nur halb so schlimm wie die echte Grippe, Influenza, die mir vor ein paar Jahren über viele Wochen hinweg wertvolle Lebenszeit gestohlen hat.

Bereits im Urlaub in Italien habe ich gemerkt, dass ich eine Tendenz habe, mich zu überfordern, mir zu viel vorzunehmen oder mir Sachen aufzuhalsen, die mir eigentlich zu viel sind, nur weil ich denke, dass würde so von mir erwartet.

Ich setze mich unter Druck, auch wenn es gar keinen erkennbaren Grund dafür gibt.

 

So entstand in diesem Sommer eine neue Denk- und Verhaltens-Routine, in der ich mich vor einer größeren Unternehmung wie Kino- oder Restaurantbesuch vorab selbst befrage: »Ist mir das angenehm? Oder ist mir das zu viel?«

Leider führen solche inneren Dialoge auch zu Konflikten. Nicht jeder Mensch hat Verständnis, wenn ich eine Einladung ausschlage oder ein geplantes Treffen verschiebe. 

Aber ich bin nun mal weit und breit die einzige Person,

die im richtigen Maße auf mein seelisches Gleichgewicht aufpassen kann. 

Und da braucht es auch mal Grenzen oder Notausgänge, wenn die (vermeintlichen) Anforderungen höher steigen als es gerade gut für mich ist.

Das Jahr 2022 hat mit viel Expansionsbedürfnis und Entdeckergeist angefangen – und entwickelt sich in der zweiten Jahreshälfte schleichend zu einem Jahr voller Herausforderungen der besonderen Art.

 

Auch die Wechseljahre haben mich nochmal ganz anders eingeholt als in den Jahren zuvor. Neben den körperlichen Beschwerden – Hitzewallungen, Schlafstörungen und Kopfschmerzen – ist es immer noch und immer wieder eine schwierige Auseinandersetzung mit dem Annehmen von dem, was ist.

 

Nicht dagegen anzukämpfen, sondern zu akzeptieren, dass es ist, wie es ist – das fällt mir echt schwer. Aber ich merke, dass beim Ringen um Besserung und Erleichterung letztlich nur die Akzeptanz und die Annahme mich weich werden lässt und sich etwas in mir öffnet, was vielleicht über kurz oder lang sogar zu einer neuen Haltung meinem Körper gegenüber führt.

 

Möglicherweise weiß mein Körper gerade am besten, was ansteht und was genau zu tun ist, auch wenn mich das oft irre macht: Schlafen, Spazieren gehen, Meditieren, Yoga, genügend Zeit für mich nehmen usw. ›Meinem Körper vertrauen‹ heißt die Zauberformel. Wer mich kennt, der weiß, dass das nicht gerade meine Königsdisziplin ist.

Im Herbst brachten mich dann zwei weitere Reisen an unterschiedliche Quellen meiner nicht ganz einfachen Familiengeschichte:

 

Limburg an der Lahn und Stettin standen auf dem Programm.

In Limburg fühle ich mich immer sehr schnell wohl und heimisch.

Hier war ich als Kind oft bei meinen Großeltern zu Besuch. Ja, natürlich, die Stadt hat sich verändert, aber das Wahrzeichen, der Georgsdom, ragt mit seiner Farbenpracht und den sieben Türmen (mehr Türme als jede andere Kirche in Deutschland!) über die Altstadt wie eine aufgehende Sonne. Die nahezu unversehrten Fachwerk-Häuser und verwinkelten Gassen, mit sehr romantischen Ecken und Plätzen, sorgen in der Altstadt (komplett autofrei!) für einen ganz besonderen Flair.

 

Und Shoppen macht mir hier richtig Spaß, denn es gibt alles, was das Herz begehrt: Fashion, Schuhe, Interior, feinste Kaffeespezialitäten direkt aus der Rösterei, abstrakte Kunst oder Landschaftsmalerei von ortsansässigen Galerien, handgemachtes Eis aus der Eismanufaktur, aber auch Obst, Gemüse, Käse, Wein, Gewürze und Blumen auf dem Wochenmarkt mit 20-30 Ständen.

Besonders beeindruckend war für mich in diesem Jahr der Besuch des sogenannten ›Limburger Hundertwasserhauses‹. Hier hat sich der Gärtner und Florist Manfred Lorenz im wahrsten Sinne des Wortes ausgetobt. Lorenz hat sich, wie er bei seinen Führungen durch das Haus und die Gartenanlage gerne und bereitwillig erzählt, vor Jahrzehnten in die Philosophie von Hundertwasser verliebt – und peu à peu in seine (Garten-)Welt übertragen. Für sein Dafürhalten können überall Paradiese entstehen, wenn man es nur zulässt, sprich: Wenn man sich als Mensch zurückhält und der Natur mit ihren Formen, Linien und Gesetzen vertraut und ihr folgt.

 

Und tatsächlich hat die Außenanlage der Gärtnerei etwas Paradiesisches: Man fühlt sich wie im Märchen. Gleichzeitig entspricht diese ›Spinnerei in allen Farben des Regenbogens‹ absolut dem Zeitgeist: Alles wird verwendet, der ›Müll‹ anderer Leute findet hier uneingeschränkt Verwendung – es wirkt wie eine große Wohn-und-Garten-Upcycling-Collage.

Wenn du mehr darüber erfahren möchtest, dann schau dir gerne die Folge »Ein Märchenhaus im Mosaik-Stil« an aus der Reihe ›Wohnen mal anders‹ des HR-Fernsehens, noch bis 14.03.2023 zu finden in der ARD Mediathek:

 

zur Folge “Ein Märchenhaus im Mosaik-Stil”

Etwas weniger behaglich war die Reise nach Stettin, zum Geburtsort meines Vaters. Hier ist mir meine Familiengeschichte mit sehr viel Wumms und Karacho um die Ohren geflogen; und zwar so heftig, dass ich mich bis jetzt noch nicht ganz davon erholt habe.

 

Die Stadt Stettin kann nichts dafür. Auch meine Familie kann nichts dafür. Niemand hat Schuld. Es war eher so, als wäre ich wie von einer höheren Macht in die Knie gezwungen worden. Ich bin im wahrsten Sinne des Wortes zusammengebrochen. Am besten lässt es sich vielleicht beschreiben als ein urplötzliches Auftauchen verdrängter Wahrheiten – und zwar in meiner Rolle als Kriegsenkelin.

 

Der Sozialpsychologe und Altersforscher Hartmut Radebold bezeichnet solche Phänomene als »transgenerationale Weitergabe kriegsbedingter Belastungen«. Das klingt ein wenig hölzern, meint aber nichts anderes als die – bewusste oder unbewusste – Weitergabe traumatisierender Geschehnisse aus der Zeit des Nationalsozialismus und während des Zweiten Weltkriegs.

 

In meinem Fall geht es um die Bombenangriffe auf Stettin und die Flucht der Familie meines Vaters quer durch Deutschland zu Verwandten nach Hessen. Alles wurde zurückgelassen. Haus, Hof, Geschäft, Heimat. Alles war weg. Unvorstellbar aus heutiger Sicht.

Niemand in der Familie hat jemals darüber geredet, als gäbe es da vielleicht auch etwas, dass die Seele schwer belastet hat. Es wurden – wenn überhaupt – Fakten bereitgestellt. Ich wusste also durchaus, was damals geschehen ist, aber ich wusste nicht, wie es sich für die Betroffenen angefühlt hat. Es waren einfach keine Gefühle in den Erzählungen meiner Eltern, meiner Großeltern, meiner Tanten, Großtanten und Onkel. Niemand hat jemals zu mir gesagt: »Es war schlimm«. Oder: »Es war furchtbar«. Oder: »Es war grausam«.

 

Und als ich dann da allein in Stettin auf der Hakenterrasse am Ufer der Oder stand, liefen mir völlig unvermittelt die Tränen in Bächen die Wangen hinunter, ich habe richtig laut geschluchzt, weil ich auf einmal das Ausmaß der Tragödie spüren konnte. Das war so heftig und unerwartet – eine Welle voller aufgestauter Emotionen. Ehrlich gesagt war es keine Welle, sondern eine Tsunami-Katastrophe. Es hat mich förmlich umgerissen.

“Die Dunkelheit kann die Dunkelheit nicht vertreiben. Das kann nur das Licht tun. 

Hass kann den Hass nicht vertreiben, das kann nur die Liebe tun.”

 

Martin Luther King Jr.

Da stand ich nun. Total überfordert. Orientierungslos. Rein physisch längst wieder zurück in Berlin, in meiner Heimat, aber in Gedanken immer noch in Stettin. Therapeuten und Ärzte waren sich schnell einig: Das war ein Schock. Ein plötzliches, überforderndes Erlebnis: Zu viel, zu schnell, auf einmal.

 

Infolgedessen habe ich die – sicherlich für die Familie meines Vaters damals hochtraumatischen – Ereignisse akut als für mich existentiell bedrohlich erlebt, obwohl ich als Enkelin im Jahr 2022 ja gar nicht bedroht bin. Und doch blieb das Fühlen dieser weit zurückliegenden Tragödie in den Wirren des Zweiten Weltkriegs zunächst erstmal jenseits meiner Möglichkeiten, das ganze Drama zu bewältigen.

Tagelang war ich wie gelähmt, dann gab es eine sehr emotionale Episode mit Gefühlen von Kontrollverlust, Angst und Panik. Das war auch für meinen Mann und meine Kinder keine leichte Zeit. Mittlerweile habe ich mich etwas berappelt, den Scherbenhaufen zusammengekehrt und versuche nun – ähnlich wie in der traditionellen japanischen Reparaturtechnik Kintsugi – die Bruchstellen der Keramik mit Gold zu reparieren. Mit Gold und mit Respekt.

 

Man sagt ja, dass man die Gegenwart nur dann richtig verstehen kann, wenn man die Vergangenheit in die Betrachtungen miteinschließt. Und natürlich haben die Geschehnisse in Deutschland und der Welt, die sich während der NS-Diktatur ereignet haben, Einfluss auf das Leben, das ich heute führe.

Es wäre ein Unding, diese Zusammenhänge zu leugnen. Und doch gibt es parallel dazu eben auch noch diese sehr persönlichen Geschichten, die eine Familie zeichnen, prägen und umhauen können. In meinem Fall ist es wohl der ungewollte Verlust von Heimat.

Mit etwas Abstand kann ich sagen: Ganz langsam zeigen sich neue Wege. Ich spüre allmählich das Potential, das in dieser Krise steckt. Es fällt mir extrem schwer, meinem unvorhersehbaren Zusammenbruch einen Sinn zu geben. Und doch erkenne ich, dass sich in mir etwas regt, denn ich bekomme nach und nach wieder Zugang zu meinem unverbauten, unbeeinflussten, freien Willen.

 

Immer öfter ist es mir wieder möglich, meiner eigenen Intuition zu folgen und meinen eigenen Werten entsprechend zu handeln, anstatt mich ständig wie ein Kriegsflüchtling zu fühlen, ohne Zukunft, ohne Halt, ohne Heimat…

 

Zwischendurch bin ich zutiefst verzweifelt, das muss ich schon sagen. Aber mittlerweile glaube ich, dass ich diese ›Kriegsenkel-Krise‹ meistern werde und vielleicht sogar eine echte Chance habe, die familiengeschichtliche Vergangenheit auf eine gute Weise in mein eigenes Leben zu integrieren.

„Die Vergangenheit ist ein Leuchtturm und kein Hafen,“

 

sagt ein altes Sprichwort.

In diesem Sinne darf ich vielleicht aus dieser Erfahrung, egal wie schmerzhaft und verunsichernd sie auch sein mag, einen persönlichen Nutzen ziehen. Vielleicht wird aus diesem Schock-Erlebnis in Stettin am Ende für mich ein entscheidender Richtungswechsel, der es mir erlaubt, nochmal anders Fuß zu fassen und an das anzuknüpfen, woran ich schon so lange hänge: An meiner persönlichen Freiheit.

So verabschiede ich das Jahr 2022 sehr viel angeschlagener als gedacht und nehme mir nur wenig vor für das neue Jahr 2023. Oder um es positiver zu formulieren: Ich gebe mir mehr Zeit.

 

Von klein an bin ich dazu angehalten worden, schneller zu sein als ich bin. Besser zu sein als ich bin. Vor allem: Vorzeigbare Ergebnisse zu erbringen, auf die man ›stolz sein‹ kann.

 

Was mir in meiner Kindheit von meinen Eltern gar nicht vermittelt wurde: Bestimmte Prozesse brauchen Zeit, weil meine Seele Zeit braucht. Irgendwie hatte ich immer das Gefühl, es wäre besser gewesen, wenn ich sehr viel mehr ›Höchstleistung‹ gezeigt hätte: Laufen mit 9 Monaten, Sprechen mit 12 Monaten, Abitur mit 15, und so weiter.

Was ich im Moment ganz neu für mich entdecke:

 

Die Kraft der Zeit. 

Es fühlt sich so an, als würde ich diese besondere – und mir völlig unbekannte – Qualität der Zeit erstmalig kennenlernen und erfahren.

Wenn ich dieser besonderen Qualität der Zeit vertraue, dann bringt sie mir ›Ruhe‹ und ›Wandel‹ gleichermaßen. Wie ein Ei, das erst noch ausgebrütet werden muss. Es dauert einfach eine gewisse Zeit, bis aus einem Ei ein Küken schlüpft.

 

So eine Henne sitzt in der Tat ungefähr drei Wochen im Nest und wärmt bis zu 13 Eier. Während der Zeit passiert vermeintlich nichts, von außen betrachtet. Aber in Wahrheit entwickelt sich aus einem befruchteten Hühnerei ein Küken. Und das dauert eben rund 21 Tage.

Warten ist also keine nutzlose Zeitverschwendung. Bestimmte Dinge können sich nur in einem bestimmten Zeitraum entwickeln oder verändern. Wie mit dem Ei, so ist es vielleicht auch mit der Seele. Egal, ob es nun im Einzelnen um Trauer geht, um Kummer, um eine verlorene Liebe oder das Aufschlagen eines neuen Lebenskapitels: Es braucht Zeit.

 

Und diese Zeit gebe ich mir jetzt. Nicht in Stunden, Tagen oder Wochen. Sondern in mir drin. Ich erkenne an, dass meine Seele und mein Körper Zeit brauchen. Wie das Küken im Ei.

 

In der Zwischenzeit, der Zeit des ›Ausbrütens‹, kann ich aussortieren, loslassen, atmen – und mein Herz für mich öffnen. Auch wenn ich dann vielleicht in Zukunft nicht mehr ›der Version von mir‹ entspreche, die meine Eltern am leichtesten hätten lieben können. Aber ich schenke vielleicht ›der gegenwärtigen Version von mir‹ endlich den nötigen Raum, um sich vollständig entfalten zu können.

Bei mir ankommen, dass bedeutet auch: Noch mehr in der Mode ankommen. Auch hier wirken alte familiäre Prägungen, die natürlich Spuren in mir hierlassen haben: Mode ist nichts Richtiges, Mode ist Freizeit oder Hobby, Mode ist nichts von Belang.

 

Und um dem entgegenzuwirken, steht bei mir für das Jahr 2023 die Idee im Raum, die Ausbildung zum zertifizierten Personality Stylist abzuschließen. Ich habe die Ausbildung vor Corona an der Gutshof Akademie angefangen und könnte sie in diesem Jahr zu Ende bringen.

Die Gutshof Akademie ist ein inspirierender Ort und bietet Aus- und Weiterbildungen in vielen interessanten Bereichen an. Wenn du mal reinschnuppern magst, dann klicke einfach auf den Link:

 

Gutshof Akademie

Ansonsten steht das neue Jahr 2023 unter der Überschrift: »Weniger ist mehr«. Es geht darum, mir Zeit zu lassen, mich zu erden, Ruhe zu bewahren. Regelmäßig den stressigen Alltag auszugleichen, indem ich mich auf das konzentriere, was mich beruhigt und was mich nährt.

 

Und zum Abschluss gibt es jetzt von mir noch eine Herzens-Empfehlung, wenn du mal was brauchst, was dich beruhigt und was dich nährt: Ich habe mit viel Vergnügen aus der Serie »Käpt’ns Dinner« die Episode mit Barbara Schöneberger geschaut, die bei Michel Abdollahi zu Gast war – für mich ein würdevoller Abschluss für das Jahr 2022. Prosit! Cheers! Skål! Cin cin!

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