Eigentlich hätte ich die Sektkorken knallen lassen können: Das Kostüm für das Vorstellungsgespräch saß perfekt, ich bekam den Job. Doch was von mir als neuer Lebensabschnitt geplant war, wurde zu einem monatelangen Versteckspiel. Ich verbrachte meine Arbeitstage in braven Kleidern und knöchellangen Röcken – ein Stil, der meiner Großmutter gefallen hätte, aber mich selbst im Keim erstickte. Heute weiß ich: Echte Selfcare beginnt für mich im Kleiderschrank.
Eine strategische Entscheidung
Es war mein Neustartversuch in meiner Heimatstadt Berlin – nach Studium und Liebes-Aus – im Sommer 1999. Ich hatte drei Kinder unter sieben Jahren im Gepäck und keinen Partner dazu. Und ich hatte weder eine Wohnung noch einen Job. Zum Glück hatte ich zu diesem Zeitpunkt etwas Geld auf dem Konto und wir waren finanziell gut versorgt.
Wie es mir gelungen ist, als alleinerziehende Mutter von drei kleinen Kindern eine Wohnung zu ergattern, weiß ich nicht. Es war sicher eine Mischung aus festem Willen, glücklicher Fügung und Schicksal. Viel Platz hatten wir in der neuen Bleibe nicht; aber die Wohnung hatte alles, was wir brauchten.
Kita, Hort und Schule waren schnell gefunden, die Kinder waren betreut – aber ich hatte keinen Job. Also verschickte ich etliche Bewerbungen, um irgendwo als Sekretärin zu starten. Mit dem Beruf hatte ich bereits gute Erfahrungen gemacht, weil man als Sekretärin oft nur halbtags arbeiten darf und die Anforderungen überschaubar sind.
Eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch von einer Werbeagentur kam so schnell und unerwartet, dass ich kurzerhand ins KaDeWe gefahren bin, um mich für diesen besonderen Anlass entsprechend einzukleiden. Eine alteingesessene Werbeagentur, so dachte ich mir, die wollen bestimmt was Seriöses am Empfang. Also entschied ich mich für ein dunkelblaues Kostüm. Und was soll ich sagen? Die Rechnung ging auf: Ich habe den Job bekommen.
Das Problem war: Ich musste dieses Bild nun aufrechterhalten. Mit dem dunkelblauen Kostüm hatte ich unbewusst ein Versprechen abgegeben – das Versprechen, stets seriös aufzutreten. Um diesen Schein zu wahren, erfand ich mich modisch jede Woche neu: Ich lieh mir Kleidung von Freundinnen oder stöberte in Second-Hand-Läden nach Teilen, die meine Rolle unterstrichen. Die Sekretärin, auf die man sich verlassen kann und die ihre eigenen Bedürfnisse komplett hintenanstellt. Belastbar und unaufgeregt.
Schon nach kurzer Zeit begann mein Inneres gegen diese Maskerade zu rebellieren. Es machte mich unendlich traurig, im Spiegel jeden Tag einer Frau begegnen zu müssen, die zwar nach außen hin ›kompetent‹ funktionierte, aber innerlich vertrocknete, weil sie sich selbst vollständig abhandengekommen war.
Das Gefängnis als täglicher Kraftakt
Jeden Morgen zwängte ich mich in Kleidung, die mir nicht gerecht wurde. Dieses tägliche Verkleiden war das exakte Gegenteil von Selfcare – es war pure Selbst-Sabotage. Ich war gefangen in der Rolle der folgsamen, unauffälligen Sekretärin und fand keinen Ausweg aus dieser Inszenierung. Ich wollte niemanden enttäuschen und hatte vor allem Angst davor, als »Hochstaplerin« entlarvt zu werden, wenn ich plötzlich mein wahres Gesicht zeigte.
In diesem kräftezehrenden Prozess geschah etwas Seltsames: Je mehr ich versuchte, die perfekte Angestellte zu mimen, desto lauter wurde eine Stimme in meinem Kopf – die Stimme meiner längst verstorbenen Großmutter.
In jener Zeit, als ich als alleinerziehende Mutter unter enormem Druck unseren Alltag stemmen musste, aktivierte sich unbewusst ein altes »Sicherheits-Programm«, das meine Oma mir vorgelebt hatte: Sei brav, sei unauffällig, passe dich an, dann passiert dir nichts. Das dunkelblaue Kostüm war somit viel mehr als eine taktische Wahl für die Werbeagentur; es war ein unbewusstes Zugeständnis an die Generationen vor mir, für die Anpassung der einzige Weg war, um sicher durchs Leben zu kommen.
Ich trug die braven Kleider und knöchellangen Röcke nicht nur für meinen Chef, sondern aus einer tiefen, loyalen Verstrickung heraus. In meiner prekären Lebenssituation suchte ich unbewusst nach dem Segen meiner Großmutter und der vermeintlichen Sicherheit, die ihr angepasster Lebensstil versprach. Sichtbarkeit bedeutete in ihrer Welt Gefahr – Unsichtbarkeit bedeutete Überleben.
Doch genau hier lag mein fataler Irrtum: Ich versuchte, durch Anpassung Schutz zu gewinnen, verlor dabei aber die Verbindung zu meiner eigenen Kraftquelle. Jedes Mal, wenn ich den Reißverschluss eines dieser braven Kleider hochzog, schnürte ich einen Teil meiner Lebendigkeit ab. Während die Stimme meiner Oma in meinem Kopf flüsterte: »So ist es gut«, schrie meine Seele: »So bin ich unsichtbar!«
Der Wendepunkt
Es gab diesen einen Moment in der Agentur – ich weiß noch, es war ein schwüler Berliner Nachmittag–, an dem ich das Gefühl hatte, keine Luft mehr zu bekommen. Nicht nur, weil es so heiß und drückend war, sondern weil mein Herz raste wie verrückt und ich so schnell atmete, als wäre ich gerade beim Halbmarathon.
Und dann machte es plötzlich „Klick!“. Ich begann zu verstehen, dass mein Bemühen, „ordentlich“ und „angepasst“ zu sein, um den Job nicht zu gefährden – in Wahrheit eine schlimme Form von Selbstverleugnung war. Ich hatte versucht, mein Überleben durch Unsichtbarkeit zu sichern. Doch der Preis war: Ich fühlte mich wie lebendig begraben.
Mode als Resonanzkörper der Seele
Schon damals zeigte sich genau das, was ich heute mit der Soul Fashion Methode an andere Frauen weitergebe: Mode ist kein oberflächlicher Schnickschnack. Sie ist ein Resonanzkörper der feinstofflichen Schwingungen und Regungen deines Herzens, deiner Seele.
Wenn ich etwas trage, das meine wahre Energie spiegelt, dann schwinge ich im Einklang mit mir selbst. In jener Zeit in der Werbeagentur stand ich völlig neben mir: Mein Äußeres folgte dem Programm meiner Oma: Brav = sicher. Aber meine Seele wollte raus aus diesem Gefängnis!
Unangepasstheit als Heilung
Mir wurde klar, dass mein eigentliches Ich – seit meiner Kindheit auf Krawall gebürstet, wenn mein kreativer Selbstausdruck keine Anerkennung fand – nicht „zu viel“ war, sondern meine eigentliche Kraftquelle.
Wenn ich heute ein auffälliges Teil wähle, das „aus der Reihe tanzt“, dann ist das kein Schrei nach Aufmerksamkeit. Es ist ein Zeichen von Selbst-Präsenz. Es ist das Signal an mich selbst: „Ich sehe dich. Ich stehe zu dir. Du musst dich nicht mehr verstecken, um sicher zu sein.“
Gegen den Strom zu schwimmen ist anstrengend, ja. Aber es ist bei weitem nicht so erschöpfend, wie jeden Tag eine Rolle zu spielen, die einem die Kehle zuschnürt. In dem Moment, in dem ich anfing, meine Kleidung wieder als Ausdruck meiner Seele zu begreifen, kehrte auch mein Atem zurück.
Das Scheitern als Kompass
Vielleicht hätte ich in der Werbeagentur Karriere gemacht, schließlich war ich die „perfekte“ Besetzung am Empfang. Doch die Realität sah anders aus. Wer sich täglich verstellt, zahlt einen hohen Preis: Die Konzentration lässt nach, die Freude am Tun versiegt, und irgendwann wird man fehleranfällig.
Heute weiß ich, dass meine falsche Kleidung ein massiver Mitgrund für das Ende dieses Arbeitsverhältnisses war. Ich war dort unglücklich, weil ich mich nicht als ganzer Mensch einbrachte, sondern nur als eine sorgfältig kuratierte Version meiner selbst. Wer seine Energie darauf verwenden muss, eine Maskerade aufrechtzuerhalten, hat keine Kraft mehr für echte Kreativität oder Begeisterung. Ich war dort zwar physisch anwesend, aber meine Seele war längst im „Streik“.
Das Ende des Jobs fühlte sich im ersten Moment wie ein Scheitern an. Doch rückblickend war es ein Geschenk. Endlich war ich wieder frei! Es war, als würde das Universum zu mir sagen: „Diese Maskerade darfst du jetzt hinter dir lassen. Und du darfst aufhören, dich kleiner zu machen, als du bist.“
Das Ritual der Befreiung
Der Tag, an dem ich meine Sachen aus der Agentur packte, markierte einen radikalen Wendepunkt. Zu Hause angekommen, tat ich etwas, das sich wie ein heiliges Ritual anfühlte: Ich öffnete meinen Kleiderschrank und sortierte all die biederen Kleider und Röcke aus – ja, auch das dunkelblaue Kostüm.
Es war keine Wut, es war pure Erleichterung. Ich betrachtete all diese wunderschönen Teile aus feinstem Stoff und war plötzlich sehr dankbar – für die bahnbrechenden Erkenntnisse, für das Ende einer Ära und für den Mut, das alles hinter mir zu lassen. Ich packte alles in eine große Umzugskiste und gab es nach und nach an die Menschen zurück, die mir diese schönen Leihgaben gemacht hatten. Der Rest wanderte in die Kleiderspende. Es war nicht nur ein Loslassen von verschiedenen Kleidungsstücken – es war auch wie ein rituelles Loslassen der Erwartungen meiner Großmutter, meines Drangs, den Erwartungen anderer gerecht zu werden und der Angst, nicht „gut genug“ zu sein, wenn ich ich selbst bin.
In diesem Moment des vermeintlichen Scheiterns fand ich zu meiner eigentlichen Selfcare zurück. Ich kramte meine alten Lieblingsstücke hervor – Teile, die eine Geschichte erzählen, die meine Geschichte erzählen.
Und während ich in mein liebstes Outfit schlüpfte und mich eine Weile im Spiegel betrachtete, liefen mir unweigerlich die Tränen, weil ich genau spürte: Ich war wieder da.
Der Mut, sich der Welt zuzumuten
Wenn ich heute gefragt werde: „Was ist Selfcare für dich?“, dann ist meine Antwort heute untrennbar mit meinem Spiegelbild verbunden. Lange dachte ich, Selfcare sei etwas, das man zusätzlich tut – eine Massage, ein Besuch im Spa, eine Yogastunde. Mittlerweile weiß ich: Echte Selfcare ist für mich die tägliche Entscheidung, mich der Welt so zuzumuten, wie ich wirklich bin. Es ist das Ende des „Ich-sollte“ und der Beginn des „Ich-bin“.
Wenn ich morgens vor meinem Kleiderschrank stehe, frage ich nicht mehr: „Was erwartet die Welt heute von mir?“ Sondern ich frage mich: „Welches Outfit hilft mir heute, in einer guten Verbindung mit mir selbst durch diesen Tag zu kommen?“
Der Kleiderschrank als Heiligtum
Meine Erfahrung mit der Werbeagentur hat mich gelehrt, dass es nichts nützt, wenn ich zum Yoga renne, im Spa nach Erholung suche und mir Massagen verordnen lasse, solange ich mich gleichzeitig im Alltag verleugne.
Seitdem ist Mode für mich ein täglicher Akt der Psychohygiene. Diese radikale Akzeptanz meiner Art, mich so zu kleiden, wie es mir gefällt, meiner Lust am Unangepassten und meiner Freude daran, gegen den Strom zu schwimmen – das hält mich gesund.
Selfcare bedeutet für mich, dass meine „zweite Haut“ – meine Kleidung – atmen darf, damit meine Seele es auch kann. Es ist der Schutzraum, den ich mir selbst schaffe, indem ich mich nicht mehr für die Erwartungen anderer verbiege. Auch dann nicht, wenn die Stimme meiner Oma mir etwas anderes einflüstern will.
Meine Einladung an dich
Ich lade dich ein, bei der nächsten Gelegenheit vor deinen Kleiderschrank zu treten und ganz ehrlich mit dir zu sein. Schau dir deine Sachen an.
- Welche Teile sind echte Kraftquellen, in denen du dich ganz bei dir fühlst?
- Und was davon ist nur Maskerade? Eine übernommene Rolle, die du eigentlich gar nicht spielen willst?
Vielleicht ist dein „dunkelblaues Kostüm“ ein grauer Strickpulli oder ein zu enges Kleid – ganz egal. Der Moment, in dem du entscheidest, diese Maske abzulegen, ist der Moment, in dem wahre Selfcare beginnt. Es ist der Moment, in dem du dir selbst das Versprechen gibst: „Ich bin gut, wie ich bin – ohne Maskerade.“
Dieser Blogartikel ist mein Beitrag zur Blogparade von Rani Gindl zum Thema Selfcare. https://www.rani-yoga.at/blogparade-selfcare/ Möge das Teilen meiner Geschichte ein Impuls für alle sein, die noch zögern, ihre wahre Identität zu zeigen. Denn am Ende des Tages ist das kostbarste Kleidungsstück, das wir tragen können, unsere eigene, unverfälschte Authentizität.



