leise genießen

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Heute stand in meinem Horoskop: Ein Tag der Genüsse! Genießen ohne Reue, ohne Selbstvorwürfe. Heute darf geschlemmt werden!


Kann ich überhaupt genießen? Das frag ich mich gerade.


Genießen fällt mir schwer, glaube ich. Auch Schlemmen ist nicht so mein Ding.


Irgendwie machen das immer die anderen.


Ich höre, wie Freunde mir erzählen: Ach, im Urlaub, da waren wir am Strand und dann in der Bar und dann im Restaurant und ich habe es sooo genossen!


Oder ich sehe eine große Gruppe Menschen, die im Park auf der Decke sitzen, den Grill im Gepäck, es duftet nach Bratwürstchen und Knoblauchbaguette, alle lachen, tanzen, singen – ok, ich übertreibe. Aber es fühlt sich für mich so an. Andere genießen. Sind dabei laut, mega entspannt, gechillt und relaxed.


Ich hingegen genieße sehr, sehr leise, immer mehr so nach innen, fast heimlich. Und es dauert extrem lange, bis ich mich entspanne, wirklich gechillt und relaxed bin. Falls es mir überhaupt gelingt. In Gesellschaft schaffe ich es so gut wie nie – alleine (oder zu zweit) geht´s deutlich leichter.


Genieße ich als Leisetreterin anders als andere?


Scheinbar ja.


Natürlich gelingt mir das Genießen besser an Tagen, an denen es mir gut geht, ich fröhlich bin und wenig Stress habe. An düsteren Tagen mit komischer Stimmung bin ich wirklich sehr weit weg vom Genießen. Da mache ich nur, was von mir erwartet wird und was unbedingt sein muss. Ansonsten verziehe ich mich relativ konsequent in mein Schneckenhaus.


Also im Vergleich zu anderen scheine ich ein größeres Thema mit dem Genießen zu haben. Mir kommt es so vor, dass es für andere einfach keine größere Bedeutung hat. Die machen einfach. Sind chillig drauf, trommeln ihre Freunde zusammen, hauen sich auf eine Decke im Park und gut is´. Kann ich nicht. Da gibt es immer eine solide Grundanspannung in mir, eine latente Grundängstlichkeit und Grundbesorgnis.


Natürlich ist mir klar, dass auch die krassesten Gute-Laune-Party-People irgendwann mal an den Punkt kommen, keine Party zu feiern, vielleicht sogar alleine sein zu wollen. Wenigstens für ein paar Stunden.


Ich dagegen komme schon nicht klar, wenn ich nicht jeden Tag die Möglichkeit habe, nach innen zu schauen, zu schweigen, vor mich hin zu brasseln oder alleine mein Ding zu machen.

Nicht nur, dass es mich nicht stört, allein zu sein und alles um mich herum ist still – nein, es ist wirklich so: Ich brauche diese Ruhe.


Klares Zeichen von Introversion.


Macht nichts. Feiern tun eben die anderen.


Ich sitze im Urlaub tatsächlich am liebsten mit meinem Lieblingsmenschen auf der Terrasse im Sonnenuntergang und wir lesen beide – schweigend – ein richtig gutes Buch. Dabei höre ich nichts als das Zwitschern der Vögel. Reicht mir. Und nicht nur das: Ich genieße es sogar.

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